Die Aufzucht von Raupen

Für einen richtigen Entomologen gehört es zur Pflichtübung, auch die Aufzucht von Insekten zu beherrschen. Dies ist oft ein sehr schwieriges Unterfangen, denn die Lebensbedingungen der Tiere müssen vom Sammler exakt beachtet werden. Falsche Behandlung, falsches Futter oder unpassende Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden von den meisten Insekten in ihren Jugendstadien nicht tolleriert. Natürlich gibt es auch pflegeleichte Fälle. (Gastautor: Rudolf Faustmann)

Als grobe Richtlinie kann man annehmen, dass die Raupen je nach Schmetterlingsart an eine Pflanzenart gebunden ist. Dies trifft besonders auf Tagfalter zu. So frisst z.B. die Raupe des Segelfalters (Iphiclides podalirius) Schlehdornblätter. Manchmal allerdings findet man sie auch auf Pflaumenblättern. Schlehdorn und Pflaume gehören zur Pflanzengattung "Prunus". Das bedeutet jedoch nicht, dass eine auf Schlehdorn gefundene Raupe jederzeit auch mit Pflaumenblättern gefüttert werden kann. Im schlimmsten Fall würde sie das Futter verweigern und sterben. (Gastautor: Rudolf Faustmann)

Dieser Artikel verfolgt die Entwicklung einer in Europa sehr häufigen, bekannten und vor allem pflegeleichten Schmetterlingsart, dem Tagpfauenauge (Inachis io) von der Raupe bis zum erwachsenen Schmetterling. Vorweg sei festgehalten, dass die Entnahme der Raupen aus der Natur aus rein wissenschaftlichen Aspekten erfolgte und dass die geschlüpften Schmetterlinge wieder in die Wildbahn entlassen wurden.


Was benötigt man für die Aufzucht?

Nun, der erste Schritt stellt keine große Herausforderung dar. Man benötigt ein Gefäß, das abgeschlossen aber gut durchlüftet ist. Darüber hinaus sollte es groß genug sein, um eine kleine Vase darin abstellen zu können.

Ich habe für diesen Zweck zwei durchsichtige Kunststoffbehälter erstanden. In einem Fall habe ich zwei große Löcher in die Wende des Behälters geschnitten und sie mit Insektengitter verschlossen. Im anderen Fall hab ich den gesamten Deckel gegen Insektengitter ersetzt.


Photo © by Thomas Neubauer

Der zweite Schritt besteht darin eine Raupe oder Eier zu finden. Dieses ist wohl der schwierigste Teil der ganzen Angelegenheit. Grundsätzlich sucht man auf den jeweiligen Futterpflanzen, in unserem Fall Brennnessel, nach den jeweiligen Raupen, doch es gibt keine Garantie auf Erfolg. Gespinste, welke Blätter oder eigenartig zusammengeklebte Blätter können ein gutes Indiz auf Raupen sein. Manche Raupen wie jene des Tagpfauenauges sind sehr gesellig und treten in großen Gruppen auf, die kaum zu übersehen sind.


Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer

Raupen anderer Arten treten jedoch auch einzeln und sehr verborgen auf. Ein bisserl Glück gehört schon dazu.

Ein Laie sollte auf jeden Fall einen Naturführer oder Fachliteratur zu Rate ziehen, um die richtige Futterpflanze und den richtigen Zeitpunkt nachschlagen zu können.


Raupe gefunden, was nun?

Wunderbar wir haben eine Raupe gefunden. Bevor wir sie mit nach hause nehmen können müssen wir uns darüber vergewissern, dass wir sie auch ausreichend mit Futter versorgen können. Die in diesem Fall benötigte Brennnessel ist eine sehr weit verbreitete Pflanze, die beinahe in jedem ungepflegten Garten, Park oder brach liegendem Feld vorkommt.
Die Brennnessel sofort nach dem Abschneiden einwässern. Es kann vorkommen, dass die Pflanzen trotzdem welk wirken und alles hängen lässt, aber keine Panik, die Brennnessel erholt sich nach wenigen Stunden.

Die Futterpflanze in einer kleinen Vase einwässern und darauf achten, dass die Raupe nicht irrtümlich ins Wasser fallen und ertrinken kann. Am besten mehrere Pflänzchen in die Vase stecken und gegebenenfalls noch mit einem Blatt die Öffnung ausreichend sichern.
Die Vase stellen wir in unseren vorbereiteten Behälter (mit Küchenrolle auslegen, damit das „Ausmisten“ leichter geht), setzten die Raupe auf die Futterpflanze und verschließen den Behälter. Den Behälter auf keinen Fall der prallen Sonne aussetzten!


Regelmäßig Füttern und Ausmisten!

Raupen sind geborene Vielfraße, ihr einziger Zweck dient dem Fressen und das wird schlimmer je größer sie werden. Bei einer einzelnen Raupe fällt einem das nicht so auf, aber meine 30 Raupen haben mir buchstäblich die Haare vom Kopf gefressen. Kurz vor ihrer Verpuppung bekamen sie zwei mal täglich 6-8 Brennnesselpflänzchen zu fressen.
Und wer so viel frisst der macht auch anständig Mist. Im Bedarfsfall einfach die Küchenrolle ersetzten und mit den Kotklümpchen die Blumen düngen.
Die Raupen haben die Angewohnheit sich bei Erschütterung einfach fallen zu lassen. Je größer sie werden desto ausgeprägter ist dieses Schutzverhalten. Dies erleichtert die Entnahme der abgefressenen Pflanzen ungemein, wobei es immer wieder furchtlose Raupen gibt die man vorsichtig manuell abnehmen muß oder besser sie samt dem Blatt, das sie umklammern, übersiedelt. Für diese Arbeit empfiehlt es sich einweg Latexhandschuhe zu tragen, da die Raupen bei Berührung zur Abwehr einen grünen, stinkenden Saft ausspucken. Es handelt  sich dabei um den Mageninhalt der Raupe, der einem potentiellen Feind entgegengespuckt wird.

Es ist aber unbedingt darauf zu achten, dass man Raupen, die in Begriff sind sich zu häuten nicht stört. In dieser Zeit benötigen sie kein Futter, also muß es auch nicht erneuert werden!


Das große Fressen (Tagebuch der Entwicklung)

Meine Raupen waren bereits ca. 1,5 cm lang als ich sie fand. Noch am selben Tag haben sie sich alle auf einen Haufen zusammen gekauert und sich für einen Tag lang nicht mehr bewegt.
Als sie wieder zu fressen begannen fand ich die Überreste alter Raupenhäute, sie hatten sich also gehäutet.


Photo © by Thomas Neubauer; rechts sind die alten Häute der Raupen zu sehen.

Die Raupen sind tagaktiv und verteilen sich über alle Futterpflanzen. Am Abend fanden sie sich jedoch immer wieder zusammen um eng aneinander gekauert die Nacht zu verbringen. Die Blätter der Brennnessel werden vom Rand beginnend verspeist, wobei starke Blattadern ausgespart werden.

Am 3. Tag maßen die Raupen ca. 2,5 cm.


Photo © by Thomas Neubauer

Am 6. Tag schwärmten die Raupen nicht zum Fressen aus und bewegten sich auch nicht. Schon am nächsten Tag war mir klar, dass sich die Raupen erneut ihrer zu klein gewordenen Haut entledigt hatten. Chitin ist ein wunderbarer Werkstoff aber nicht unbegrenzt dehnbar daher müssen Raupen in ihrer Entwicklung einige Male ihr Kleid wechseln.


Photo © by Thomas Neubauer; Raupen stehen kurz vor der Häutung.
Photo © by Thomas Neubauer; die alte Raupenhaut bleibt zurück.

Nach dieser letzten Häutung waren die Raupen nicht mehr so gesellig. Sie fraßen ohne Ende und kuschelten sich nachts nicht mehr zusammen. Ihre Länge hatte nun schon ca. 3,5 cm erreicht. Je größer und kräftiger die Raupen wurden, desto restloser wurden die Brennnesselblätter gefressen. Waren Anfangs dicke Blattadern ein Problem, so wurden diese nun auch vertilgt.

Photo © by Thomas Neubauer

Am 11. Tag war das große Fressen zu Ende. Viele Raupen hatten sich Kopf über an der Decke des Behälters, an Blättern oder auf einem dürren Zweig aufgehängt, um sich auf die Metamorphose vorzubereiten. Da baumelten sie nun viele Stunden bis zu einem Tag bis ein Wunder geschah.
Ganz plötzlich reißt die Raupenhaut knapp hinter dem Kopf auf und die fertige Puppe tritt zum Vorschein. Das Abstreifen der Raupenhaut ist in 1-2 Minuten abgeschlossen. Die zusammen geschrumpelte Haut der Raupe fiel meist zu Boden oder blieb in manchen Fällen am obersten Zipfel der Puppe hängen.

Es dauerte 2 Tage ehe sich ale gesunden Raupen verpuppt hatten.

Photo © by Thomas Neubauer
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Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer; Reste der Raupenhaut.

Die frischen Puppen waren intensiv grüngelb gefärbt und noch weich und flexibel. Auf Erschütterungen reagierten sie mit Zappeln. Diese Abwehrreaktion verhindert, dass die frischen Puppen irrtümlich von noch nicht verpuppten Artgenossen angeknabbert werden.

Nach einem Tag waren die Puppen ausgehärtet und hatten ihre Farbe auf gelbbraun bis braungrau geändert.

Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer

Zur einfacheren Handhabung habe ich den Großteil der Puppen abgenommen, sie auf eine Küchenrolle gelegt und alle 2 Tage mit Wasser angesprüht. Das Zappeln als Reaktion auf Erschütterung wurde seltener und erlahmte schließlich ganz.

Auf den Innenwänden des Behälters habe ich nun, aus Insektengitter ausgeschnittene, Streifen geklebt, damit die geschlüpften Falter hinaufklettern und in Ruhe ihre Flügel entfalten können.

Am 19. Tage nachdem ich die Raupen in meine Obhut genommen hatte geschah das zweite Wunder, die Metamorphose war abgeschlossen. Über den Tag verteilt schlüpften die Falter aus ihren Puppen. Wie vorgesehen kletterten sie die Leitern aus Insektengitter hinauf um ihre Flügel zu entfalten und zu trocknen.
Die Küchenrolle erfüllte dabei einen weiteren wichtigen Zweck, denn die Falter sonderten eine rötliche Flüssigkeit, auch Puppenharn genannt, ab  (Stoffwechselabfälle, die im Puppenstadium anfielen und derweil im Darm aufbewhrt wurden).

Photo © by Thomas Neubauer

Es war also vollbracht. Aus einer kleinen unscheinbaren, stacheligen Raupe Nimmersatt war ein wunderbarer, farbenprächtiger Schmetterling geworden, der nun elegant in die Lüfte steigen konnte.


Flugtag & Abschied

Die geschlüpften Schmetterlinge wurden im Garten freigelassen und erhoben sich in die Lüfte. Leider zerstreuten sie sich sehr rasch, sodass nur wenige im Garten blieben um sich an Blüten gütlich zu tun.

Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer
Photo © by Thomas Neubauer

Nachwort

Es war auf jeden Fall eine faszinierende und lehrreiche Erfahrung Raupen aufzuziehen und dabei ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten zu studieren und die wundersame Metamorphose mitzuerleben. Natürlich war es nicht immer einfach ihren Hunger zu stillen und ich weiß jetzt ganz genau woher Brennnessel ihren Namen haben. Mitunter besteht ein hohes Frustrationspotential, wenn durch Parasitenbefall die Arbeit zu Nichte gemacht wird. Wenn man Raupen in der Natur einsammelt können sie im hohen Maße von Parasiten befallen sein. Die Raupen verpuppen sich dann nicht, oder sie tun es, aber es schlüpft später anstelle eines Schmetterlings eine Schlupfwespe. Ich jedenfalls hatte Glück und musste nur fünf Ausfälle beklagen. In freier Wildbahn hätten sicher beträchtlich weniger Raupen das Entwicklungsstadium des Schmetterlings erreicht.

An dieser Stelle möchte ich Herrn Rudolf Faustmann danken, der auf diesem Gebiet wesentlich mehr Erfahrung hat als ich und mir stets mit seinem Rat zur Seite stand.

 

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